Gerade auf dem Land und den deutschen Inseln, aber auch in vielen teuren Städten wird im Schnitt immer großzügiger gewohnt. In Metropolen wie Berlin, wo Platz Mangelware ist, stagniert die Pro-Kopf-Wohnfläche dagegen. Das Marktforschungsinstitut Empirica Regio hat die Trends analysiert.

In Deutschland wird im Schnitt auf immer mehr Raum gewohnt. Zwischen 2015 und 2020 hat die Wohnfläche pro Kopf am stärksten in den ländlichen Regionen zugelegt mit 3,7 Prozent, heißt es in einer neuen Studie, die das Marktforschungsinstitut Empirica Regio am 9. Februar vorgelegt hat. Doch auch in den Großstädten leben die Menschen auf immer mehr Platz, wenn auch das Plus mit durchschnittlich 1,5 Prozent moderater ausfällt.

Auf dem Land war demnach die Wohnfläche pro Kopf im Jahr 2020 mit 51,4 Quadratmetern am höchsten. In den kleineren Städte und Vororten waren es 47 Quadratmeter, in den Großstädten lag die Pro-Kopf-Wohnfläche mit 40,9 Quadratmetern deutlich darunter.

Untersucht hat Empirica Regio alle deutschen Kommunen ab 400 Einwohnern – analysiert wurden knapp 9.000 Gemeinden und 107 kreisfreie Städte. Zahlen für das Jahr 2021 lagen noch nicht vor.

Abwanderung treibt die Wohnfläche pro Kopf nach oben

“Gerade ländliche Regionen haben noch genügend Bauland und -platz, um neuen Wohnraum zu schaffen. Dort dominieren Einfamilienhäuser mit einem großen Flächenverbrauch pro Kopf”, sagt Jan Grade, Geschäftsführer von Empirica Regio. In peripheren Räumen führe neben der zunehmende Alterung auch der Wegzug junger Menschen zu steigenden Leerständen und damit zu einer höheren Pro-Kopf-Wohnfläche.

Die typische Gemeinde mit einer großen Wohnfläche (mehr als 65 Quadratmeter pro Kopf) hat laut Empirica Regio in der Regel bis zu 1.200 Einwohner, liegt auf dem Land und leidet unter Abwanderung. Den bundesweiten Schnitt für 2020 beziffern die Marktforscher auf knapp 46 Quadratmeter pro Kopf – das Statistische Bundesamt kam in früheren Angaben auf 47,4 Quadratmeter.

Sondereffekte auf den deutschen Inseln

In Beuren in Rheinland-Pfalz (75,2 Quadratmeter pro Kopf) und Aventoft in Schleswig-Holstein (73,6 Quadratmeter) wohnten die Menschen im Jahr 2020 laut Studie auf besonders viel Fläche. Ganz vorne lagen die Inseln Sylt und Föhr: Kampen auf Sylt stand an der Spitze mit 264 Quadratmetern pro Einwohner, gefolgt von Nieblum auf Föhr mit 121 Quadratmetern und Wenningstedt-Braderup (Sylt) mit 108 Quadratmetern pro Kopf.

Um Sondereffekte wegen des hohen Anteils an Ferienwohnungen zu vermeiden, hat Empirica Regio diese und andere Gemeinden, auf die das zutrifft, in der Analyse herausgefiltert.

Besonders wenig Wohnraum berechnete Empirica Regio in Raunheim (Hessen) und Bliesdorf (Brandenburg) mit jeweils 34,3 Quadratmeter pro Kopf. Am Ende der Liste stehen auch viele Mittel- und Großstädte – etwa Stuttgart (Baden-Württemberg) mit 37,6 Quadratmetern sowie die hessischen Stätde Frankfurt am Main (37,4 Quadratmeter) und Offenbach (35 Quadratmeter).

Berlin: Pro-Kopf-Wohnfläche stagniert

In Berlin und Köln stagniert die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf der Studie zufolge seit Jahren bei jeweils 38,9 Quadratmetern. “Generell müssen Menschen in angespannten Wohnungsmarktregionen und den großen Metropolen auf weniger Wohnfläche pro Kopf zusammenrücken”, schreiben die Autoren.

In Berlin ist die Pro-Kopf-Wohnfläche zwischen 2015 und 2020 weitgehend gleich geblieben. Die Wohnraum-Entwicklung liegt damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. “Hohe Preise und ein angespannter Miet- oder Eigentumsmarkt führen entweder zum Kauf oder der Anmietung einer kleineren Wohnung oder zur Verbreitung von platzsparenden Wohnkonzepten, wie Wohngemeinschaften”, erklärt Garde.

Auch in Sachsens Großstädten Dresden (38,7 Quadratmeter pro Kopf) und Leipzig (39,7 Quadratmeter) ist der Platz pro Einwohner relativ knapp bemessen, wie aus der Studie hervorgeht. Schon in der kleineren Großstadt Chemnitz steht den Menschen mit 42,7 Quadratmeter pro Kopf mehr Wohnfläche zur Verfügung. Orte wie Adorf im Vogtland oder Wermsdorf in Nordsachsen weisen dann schon Werte von mehr als 47 Quadratmeter pro Kopf auf.

Zahl der Bewohner pro Wohnung nimmt ab

Mit Ausnahme des Jahres 2015, als in der sogenannten “Flüchtlingskrise” außergewöhnlich viele Menschen nach Deutschland zuwanderten, sei der Flächenverbrauch seit 2005 stetig gestiegen, hieß es bei Empirica Regio. Das sei ein Trend: Im Schnitt kämen pro Jahr 0,2 Quadratmeter pro Kopf dazu.

Der hohe Bedarf an Wohnfläche sorgt dabei immer wieder für Diskussionen – etwa wenn es um die Versiegelung von Böden geht oder ob Einfamilienhäuser noch zeitgemäß sind.Zudem wohnen laut Empirica Regio immer weniger Menschen in einer Wohnung, weil die Gesellschaft überaltert und die Zahl der Single-Haushalte steigt.

Seit Beginn der 1990er Jahre ist der Anteil der Einpersonenhaushalte deutlich gestiegen, hieß es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Auf eine Wohnung kamen 2020 im Schnitt weniger als zwei Menschen, so das Statistische Bundesamt.

Wohnen auf mehr Platz: ungünstig für die CO2-Bilanz

Der große Flächenverbrauch pro Kopf wirkt sich auch Empirica Regio zufolge zudem ungünstig auf Energieverbrauch und die Treibhausgasemissionen in Gebäuden aus. Die direkten CO2-Emissionen des Gebäudebestands stagnieren seit 2014 bei rund 120 Millionen Tonnen im Jahr, hieß es in einer Studie der DZ Bank im vergangenen Sommer.

Noch 1995 habe die durchschnittliche Wohnfläche bei 36 Quadratmetern je Einwohner gelegen, die Menschen hatten also rund 20 Prozent weniger Raum als 2020. Eine Trendumkehr sei nicht in Sicht, so die DZ Bank. “Die wachsende Zahl an Einpersonenhaushalten und der von der Pandemie verstärkte Wunsch nach geräumigen Wohnungen – auch mit Blick auf Homeoffice – dürften das Flächenwachstum weiter vorantreiben.”

Für Investoren und Bauträger lässt sich laut Empirica Regio aus den durchschnittlichen Flächenverbrauchsdaten ein Rückschluss auf besonders nachgefragte Objekte vor Ort ziehen. Laut Grade kann so vermieden werden, am durchschnittlichen Verbrauch vor Ort “vorbeizubauen”.

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