Lehel – Die eine schweigt, die andere kann kaum glauben, was gerade passiert. Und am Ende kann es keiner so recht erklären, warum Blumen Wildgruber nach gut 55 Jahren die St.-Anna-Straße im Lehel verlässt. Klar ist: Geld spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Schweigende, das ist die Chefin einer Münchner Immobilienverwaltung in der Leopoldstraße. Erst wollte sie sich mit der AZ treffen, unbedingt persönlich. Dann sagte sie die Verabredung kurzfristig ab. Die andere, das ist Sabine Oswald (54), geborene Wildgruber, die in dritter Generation im Blumenladen Wildgruber steht. Ihrer Familie gehört der Laden nicht mehr. Sie ist dort Angestellte.

Nach sechs Jahrzehnten ist am Sonntag Schluss im Lehel

Die letzte Episode der vergangenen sechs Jahrzehnte handelt davon, warum es Blumen Wildgruber ab Sonntag gar nicht mehr geben wird. Sabine Oswald erzählt von schwierigen Verhandlungen mit der Eigentümerfamilie über einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag. “Im Mai 2021 gab es ein erstes Treffen mit der Familie Dittrich”, erzählt sie, “da sind wir schon aufgeschreckt.”

Der Mietvertrag endet im April 2022. Eine neue Vereinbarung sollte besprochen werden. “Aber da fielen schon Beträge, die sich kaum jemand leisten kann”, sagt Oswald. 37 Euro pro Quadratmeter, das sei inzwischen der Marktpreis im Lehel, hieß es da, so erzählt sie.

Schnell kühlte das Verhältnis ab. Erst konnte kein neuer Termin vereinbart werden. Im September 2021 flatterte dann der neue Mietvertrag in den Blumenladen – ausgestellt von einer Immobilienverwaltung.

Ein Schockbrief. Die Zahlen: “25 Euro je Quadratmeter ab 1. April 2022. Das wäre in etwa doppelt so viel wie im aktuellen Vertrag”, erzählt Oswald. Fast 3.000 Euro monatliche Pacht hätte das bedeutet.

Inhaberin kann sich neue Pacht nicht mehr leisten

Inhaberin Denise Dokter war gleich klar, dass sie sich diesen Betrag nicht leisten konnte. “Das geben die Umsätze gar nicht her”, sagt Oswald. Es komme hinzu, dass die Straße Richtung Norden seit zwei Jahren gesperrt sei, weshalb viele Kunden wegblieben. Grund für die Sperrung ist ein Neubau nebenan. Und dann war da ja auch noch Corona.

Großmutter Wildgruber hatte den Blumenladen 1967 übernommen. Für Sabine Oswald war er schon immer wie ein zweites Wohnzimmer. Hier krabbelte sie, hier lernte sie laufen. Es gibt Kindheitsfotos. Auf einem kann sie gerade mal eben sitzen. Ihre Familie lichtete sie auf der Arbeitsfläche ab. Und seither arbeiteten fast durchgehend Wildgrubers hier.

Sabine Oswald verliert kein böses Wort über die Eigentümerfamilie, spricht von einem familiären Verhältnis zu den Dittrichs. Im Laden führte früher eine Wendeltreppe direkt in deren Wohnung. “Da bin ich als Kind oft hochgelaufen”, sagt sie. “Ich saß mit der Familie Dittrich am Esstisch.” Mit Rainer Dittrich, einem Sohn der Familie, hat Sabine Oswald oft gespielt.

Rainer Dittrich führt in der St.-Anna-Straße gleich nebenan selbst einen Laden, die Galerie am Kloster, verkauft Kunst und Mode. Nach wie vor ist er mit Sabine Oswald gut befreundet – und traurig, dass der Blumenladen auszieht. “Das war ein Stück Paradies, ein Abbild der Jahreszeiten, mit diesem großen Vogelkäfig”, sagt er. Kinder seien früher in den Laden gegangen, nur um zwischen den ganzen duftenden Blumen Wellensittiche und Finken zu beobachten.

Dittrich kann sich an eine Zeit ohne Blumenladen nicht erinnern. Er fasst es so zusammen: “Das ist alles ziemlich blöd gelaufen.” Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die Pacht nie einfach so verdoppelt. “Man macht doch mit Blumen heutzutage keine großen Umsätze”, sagt er.

Viel mehr möchte er dann lieber nicht mehr sagen.

“Das Lehel stirbt in Etappen”

Hört man sich in der Nachbarschaft um, kursieren seltsame Geschichten. Auch Dittrich habe von der Immobilienverwaltung seiner Familie eine saftige Mieterhöhung bekommen, ohne Vorwarnung. Auch 25 Euro je Quadratmeter. Dittrich kommentiert das nicht. Er sagt nur so viel: “Ich habe das Gefühl, dass die Immobilienverwaltung etwas unsensibel ist.” Da stellt sich die Frage: Hat die Immobilienverwaltung ein Eigenleben entwickelt?

Blumen-Wildgruber-Chefin Denise Dokter und Sabine Oswald hatten Glück im Unglück. Sie ziehen unmittelbar um, wechseln in ein entferntes, bezahlbares Stadtviertel. Die neue Adresse im Osten: Wasserburger Landstraße 237. Der Name des Ladens wird verschwinden. Denn der neue wird “Floreal” heißen.

Sabine Oswald und Rainer Dittrich, Freunde seit der Kindheit, stehen Seite an Seite vor ihren Läden und blicken sich mit verschränkten Armen an. Dass Blumen Wildgruber verschwindet, ist für sie nicht nur eine Momentaufnahme. Es ist auch Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung.

Oswald zählt auf. “Früher gab es hier so viele inhabergeführte Läden. Alle weg. Metzgerei Höllmüller, ein Milchladen, ein Schreibwarenladen, das Wiener Café Wünsche … Seit den 80ern dreht sich hier die Mietpreisspirale. Das Lehel stirbt in Etappen”, sagt sie. Es gebe eben einen langsamen Generationenwechsel. Sie spekuliert: “Herr Dittrich senior hätte das alles nicht zugelassen.” Er habe vor einigen Jahren die Familiengeschäfte abgegeben.





Link zur Fundstelle (Quellenangabe)

Warenkorb
Scroll to Top