Werkstatt im Kreativquartier in München, 05.07.2019 | Bild: picture alliance / Robert B. Fishman

Sie verstecken sich in Bürogebäuden, Ämtern, Gewerbegebieten – leerstehende Gewerbeflächen gibt es in München zuhauf. Ein ungenutzter Schatz für die Kultur, findet Julia Schönfeld-Knor, SPD. Sie und die grün-rote Fraktion im Rathaus wollen Freien Kulturschaffenden diese Räume über eine zentrale Anlaufstelle – eine städtische Zwischennutzungsagentur – zugänglich machen. Das böte gleich mehrere Vorteile – gerade am Standort München.

“In München sind Räume so knapp wie in nur wenigen anderen deutschen Städten. Natürlich ist uns klar, dass Zwischennutzung nicht die alleinige Lösung für die Raumnot der Kreativen ist. Aber warum sollte man Leerstand nicht kreativ nutzen, wenn er nunmal da ist? Es entstehen ja auch oft durch solche zeitlich begrenzten Projekte Zusammenarbeiten oder Möglichkeiten der Begegnung, die bei einer längerfristigen Nutzung gar nicht passieren.”

Julia Schönfeld-Knor, kulturpolitische Sprecherin SPD/Volt-Fraktion

Expertise in Immobilienverwaltung

Um das zu leisten, haben Schönfeld-Knor und ihre Fraktion im Stadtrat einen Antrag auf eine städtische Zwischennutzungsagentur gestellt. Diese Agentur soll städtische Liegenschaften ebenso erschließen wie Immobilien der Privatwirtschaft, zudem soll das Agenturteam Expertise in Planung und Architektur einbringen. Das Ziel: Aufspüren, verknüpfen, unterstützen – möglichst unbürokratisch.

Klingt einfach. Der Alltag bringt aber diverse Hürden mit sich, wie die Interessenvertretung Netzwerk Freie Szene München weiß. Benno Heisel ist eines der Gründungs- und Vorstandsmitglieder des Netzwerks. Für ihn ist die entscheidende Frage an die geplante Agentur nicht, wie die Räume ausfindig, sondern wie sie zugänglich gemacht werden sollen: “Leerstand sehen wir ja alle Tag für Tag. Den für die Freie Szene aufzuspüren, klar finden wir das gut. Aber was sind die Vertragsverhältnisse? Wer ist Eigentümer in diesem speziellen Fall? Wie kommt man an den Schlüssel? Was darf man damit machen? Wer hat den Stromanschluss, wer darf die Verträge dafür abschließen? Was sind die Probleme mit den Anwohnern? Das sind alles Fragen, die so eine Agentur dann beantworten können muss.”

Nicht jeder Raum taugt für jede Sparte

Und selbst wenn diese organisatorischen Punkte einmal geklärt sind: Ein Raum ist nicht sofort zwischennutzbar, sobald man den Schlüssel dazu in der Hand hält, weiß Laura Martegani – ebenfalls Vorstandsmitglied des Netzwerk Freie Szene. Ihr Büro ist direkt im Kreativquartier; Zwischennutzung und Interimslösungen erlebt sie dort jeden Tag direkt vor der Haustür. Was sie da sieht: Jede künstlerische Sparte bringt ihre eigenen Bedürfnisse und zusätzliche Kostenpunkte mit.

“Es darf nicht vergessen werden, dass Zwischennutzung Geld kostet. Vor allem in Tanz und Theater müsste man Geld in die Hand nehmen, um diese Räume überhaupt erst einmal tauglich zu machen. Betonböden in Büro- oder Gewerberäumen, die sind für Tanz z.B. absolut nicht geeignet.”

Laura Martegani, Netzwerk Freie Szene München

Auf Beton macht man keine Luftsprünge. In einem Raum ohne Stromanschluss kann eine Band keine Boxen anschließen. Ohne Schalldämmung wird Gesang auch mal zur Belastung für die Nachbarn. Um für entsprechende Ausstattungen Finanzierungen zu erschließen, hat die Stadt München bereits vor einigen Jahren ein Kompetenzteam für Kultur- und Kreativwirtschaft eingerichtet. Dieses bietet kostenlose und persönliche Beratung “in allen Belangen des kreativen Alltags”, heißt es auf der Webseite. Dort sind Raumsuche und Zwischennutzung explizit auch als Zuständigkeiten des Teams aufgezählt.

“Das Kompetenzteam ist hauptsächlich zur Hilfe bei Anträgen da. Zum Beispiel für Gelder über eine EU-Förderung oder einen Topf des Bundes, um eine Zwischennutzung an die Bedürfnisse der Künstlerinnen und Künstler anzupassen”, stellt Stadträtin Schönfeld-Knor klar. Mit der geplanten Agentur will sie aber eine Lücke schließen, die sie durch das Kompetenzteam noch nicht abgedeckt sieht: “Wir sehen, dass es gerade mit der Überprüfung der Immobilien, mit der Immobilienverwaltung, mit den Nutzungsänderungen noch oft hakt. Und da sollte geholfen werden, da soll die Agentur noch als ein weiterer Baustein dazu kommen.”

Darum hat es die Freie Szene in München einzigartig schwer

Die Agentur – ein erhoffter weiterer Baustein für das Fundament einer stabilen Freien Szene in München. Die hat es in der Landeshaupt per se nicht leicht. Als einzige bayerische Städte sind München und Nürnberg ausdrücklich vom Kulturfonds Bayern ausgenommen. Und das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst fördert keine Einzelproduktionen. Heißt: In der Landeshauptstadt ist die Fördersituation für die Freie Kultur einzigartig misslich.

Dieser Situation hat in den letzten zwei Jahren – man mag es kaum glauben – ausgerechnet Corona etwas Positives entgegengesetzt. Da das Neustart-Kultur-Förderpaket des Bundes deutschlandweit abrufbar war, hatten plötzlich auch die Münchner Freien Zugang zu einem neuen, überregionalen Förder-Topf. “Durch die verschiedenen Hilfspakete vom Bund haben viele Institutionen und Künstler:innen die Möglichkeit bekommen, auch vom Bund gefördert zu werden. Und ich hab das Gefühl, die Szene ist noch extremer gewachsen, allein in den letzten zwei Jahren. Und dann ist die Frage: Was passiert dann mit diesen Strukturen, die sich da entwickelt haben? Was will die Stadt damit machen?”, erklärt Laura Martegani vom Netzwerk Freie Szene München.

Dass die Stadt etwas damit machen will, beweist der Antrag von Julia Schönfeld-Knor und ihrer Fraktion. Ob eine Agentur für Zwischennutzung tatsächlich der erhoffte Schlüssel für die Raumnot der Freien Szene sein kann oder doch nur ein weiterer Baustein auf einer Baustelle bleibt, zeigt sich frühestens im Herbst 2022. Solange wird es mindestens dauern, bis der Antrag bewilligt ist und die Agentur ihre Arbeit aufnehmen kann.



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